Der 1. Obermeisterstammtisch 2011 fand am 3. Mai im Stadtarchiv Dresden statt. Das Stadtarchiv befindet sich seit dem Jahr 2000 auf der Elisabeth-Boer-Str. 1 im ehemaligen Mehlspeicher der Königlich-Sächsischen Heeresbäckerei. Amtsleiter Thomas Kübler empfing die Gäste und bereits da war allen klar – es wird ein amüsanter Abend. Mag vorher manch einer gedacht haben – Archiv, das klingt nach staubigen Akten und trockenen Informationen – der leitende Archivdirektor mit seinem ganz besonderen Humor belehrte alle eines Besseren.
Das Stadtarchiv Dresden ist das Drittgrößte in Deutschland und zählt zu den ältesten und gleichzeitig modernsten Kommunalarchiven. Auf 6.000 qm werden z. Zt. mehr als 19 Kilometer Akten aufbewahrt, bis zum Jahresende kommen weitere 6.500 qm Zwischenarchiv dazu und der Bestand erweitert sich auf ca. 30 Kilometer. Außerdem werden etwa 4.200 Urkunden, 150.000 Karten, Pläne und Risse, 150.000 Fotos, Dias und Ansichtskarten, 45.000 Bücher sowie moderne Speichermedien aufbewahrt. Unter optimalen Bedingungen lagern wertvolle Zeugnisse der Kultur-, Verwaltungs-, Wirtschafts-, Sozial- und Alltagsgeschichte – Schätze aus 8 Jahrhunderten. Jeder, der ein berechtigtes Interesse hat, kann auf Antrag das verfügbare Archivgut einsehen.

Die Teilnehmer des Obermeisterstammtisches interessierten sich natürlich vorwiegend für das Handwerk. Herr Kübler hat in den Dresdner Stadtbüchern 13 und 14 speziell über die Innungen geschrieben und erzählte uns interessante Dinge. Die älteste Innungsakte ist von 1523 und betrifft die Tischler. Aber auch Fleischer, Friseure, Schlosser, Schneider, Zimmerer, Töpfer, Bäcker und Schumacher werden bereits im 16. Jahrhundert erwähnt. Von letzteren gibt es über 1.500 Urkunden und ca. 4 lfm. Innungsakten und das aus nur ca. 350 Jahren. Herr Kübler referierte über Gepflogenheiten vergangener Zeiten, wobei die Ausführungen über die zwei Dresdner Hungertürme sicher bei manchem Handwerker ein leichtes Sehnen nach der Vergangenheit aufkommen ließen. In den Hungerturm (oder auch Schuldenturm) wurden nämlich zahlungsunwillige Mitbürger geworfen. Diese „Erziehungsmaßnahme“ hat kaum einer überlebt: Erstens waren es bis auf den Grund des Turmes etwa 8 Meter, zu Essen gab es nichts und man hatte nur eine Chance, wenn man aus eigener Kraft wieder herausklettern konnte. Wenn man Glück hatte, schon viele vor einem drin waren (tot oder lebendig) und man sehr stark und sportlich war, konnte es vielleicht gelingen. Heute sind die Möglichkeiten, ausstehende Rechnungen beglichen zu kommen, weniger drastisch oder illegal!

Nach einer Stunde allgemeiner Informationen – die Zeit verging wie im Fluge – führte uns Herr Kübler durch einen der Lesesäle in einen für die alten Dokumente optimal klimatisierten Archivraum mit Rollschränken und zeigte uns ganz alte Ratsdokumente. Begriffe wie „dicker Wälzer“
oder „alte Schwarte“ als saloppe Umschreibung für Bücher erklärte er uns.So sind die ältesten Ratsdokumente in Schweineschwarten gebunden. Die älteste Urkunde im Archiv ist von 1260. Der wettinische Markgraf Heinrich der III. erteilte den Dresdner Bürgern das Recht, in die Stadt
kommenden, verschuldeten Rittern Pfänder abzunehmen und diese bis zur Klärung der Ansprüche einzubehalten. Auch das war früher besser geregelt, denke man nur mal an die heute gängige Praxis am Bau, Zahlungen wegen angeblicher Mängel zu verweigern. Auch wenn der
Handwerker am Ende Recht bekommt, die bis dahin verstreichende Zeit kann sein Ruin sein.
Weiterhin zeigte uns Herr Kübler die älteste Akte des Archivs – von 1206 – über einen (Bau)Streit zwischen den Herren von Dohna und Pesterwitz. Dieser wurde in mehreren Tagen auf dem Taschenberg verhandelt, indes kamen die Schöffen von der anderen Elbseite. Also gab es gab eine Furt über die Elbe und die Personen mussten auch verköstigt werden. Dieses Schriftstück gilt als erste Erwähnung des Orts Dresden, der 1216 wiederum erstmals als Stadt bezeichnet wird. Besonders stolz präsentierte uns Herr Kübler alte Innungsladen. Sehr prachtvoll war die in blaues Leder gebundene und mit vergoldeten Metallbeschlägen versehene Lade der Schneider – damals eine der reichsten Innungen. Aber auch die aus Leder bestehende Lade der Buchbinder ist eine bibliophile Kostbarkeit. Heute versteht man unter Innungslade eher eine Truhe, in der alles aufbewahrt wird, was für die Innungsgeschichte relevant ist, früher waren das Kladden, in denen die Mitglieder und anderes verzeichnet waren.
Eine der größten Herausforderungen der Archivierung ist die Konservierung der alten Dokumente. Pilz- und Schimmelbefall oder Papierzerfall durch Übersäuerung oder Versalzung müssen aufgehalten bzw. die Zerstörungen rückgängig gemacht werden. Dazu gibt es einen Raum, der teilweise an ein Chemielabor erinnert. In mühevoller Kleinarbeit wird Seite um Seite restauriert. So kann man schwarz gewordene Seiten wieder aufhellen und lesbar machen und somit der Nachwelt erhalten. Herr Kübler informierte uns, dass mittlerweile das Stadtarchiv der Stadtverwaltung die Papiersorte vorgibt, auf der wichtige Schriftstücke verfasst werden. Recycling-Papier ist nicht langlebig. Leider ging die Zeit mit Herrn Kübler zu schnell vorbei. Es wäre noch vieles Interessantes zu erfahren gewesen. Im Rahmen eines abschließenden
Imbisses beantwortete er aber noch Fragen.
Fazit dieses Stammtisches ist: Sowohl Innungen als auch die einzelnen Unternehmen können relevante Schriften dem Stadtarchiv zur Verfügung stellen. Hier stehen Fachleute mit perfekt geeigneten Technologien und Möglichkeiten zur Verfügung, die in hoher Qualität die Dokumente und Zeitzeugen der Geschichte für unsere Nachwelt aufbereiten können.Dieses Angebot vom Amtsleiter sollte überdacht und in Abhängigkeit von den einzelnen Gegebenheiten auch genutzt werden.



